Unser Faktencheck zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: 38 von 41 Wahlkreisen korrekt projiziert

Am 6. September hat Sachsen-Anhalt gewählt. Zwei Tage vorher haben wir unsere Abschlussprojektion veröffentlicht: eine Wahlkreisprojektion für alle 41 Wahlkreise auf Basis des Wahltrends vom 4. September und 14.000 Monte-Carlo-Läufen. Wie immer haben wir angekündigt, uns danach öffentlich daran messen zu lassen. Das tun wir hier, auf Basis des vorläufigen amtlichen Endergebnisses.

Kennzahl Wert
Korrekt projizierte Wahlkreissieger (Erststimme) 38 von 41 (92,7%)
Korrekt projizierte stärkste Partei (Zweitstimme) 41 von 41 (100%)
Mittlerer Fehler des Wahltrends (Landesebene) 2,2 Prozentpunkte
Mittlere Abweichung je Partei und Wahlkreis 2,5 Prozentpunkte

Die kurze Antwort: 38 von 41 Wahlkreisen richtig, das sind 92,7 Prozent. Zum Vergleich: In Baden-Württemberg lag unsere Trefferquote bei 54 von 70 Wahlkreisen (77%), in Rheinland-Pfalz bei 37 von 52 (71%); in beiden diesen Bundesländern gab es jedoch auch deutlich engere Rennen bei der Frage der stärksten Partei als in Sachsen-Anhalt. Die lange Antwort ist interessanter, denn die drei Fehler haben alle dieselbe Ursache, und es ist nicht die, die man bei einer Projektion unbedingt erwartet.


Der zentrale Befund: Die Zweitstimmenkarte stimmt vollständig

Projektion 4. SeptemberSachsen-Anhalt Wahlkreisprojektion 4. September 2026
Amtlich: ZweitstimmenSachsen-Anhalt Zweitstimmen stärkste Partei je Wahlkreis 2026
Amtlich: ErststimmenSachsen-Anhalt Erststimmen Wahlkreissieger 2026

Links unsere Projektion vom 4. September, in der Mitte das amtliche Zweitstimmenergebnis, rechts das amtliche Erststimmenergebnis. Die ersten beiden Karten sind identisch. Die dritte weicht in drei Wahlkreisen ab. Das amtliche Ergebnis der Zweitstimmen sieht exakt so aus wie unsere Erststimmenprojektion: In allen 41 Wahlkreisen, ohne eine einzige Abweichung. Die AfD ist in 40 Wahlkreisen stärkste Kraft, die Grünen in Halle III. Das amtliche Ergebnis der Erststimmen sieht anders aus: AfD 38 Wahlkreise, Die Linke 3.


Die drei Abweichungen: taktisches Wählen

Alle drei Fehler folgen demselben Muster, und es sind exakt die drei Wahlkreise, in denen wir vorab den geringsten AfD-Vorsprung projiziert hatten. In Magdeburg II und Halle II hatten wir die AfD vorn gesehen. Gewonnen hat Die Linke, mit 29,4 beziehungsweise 29,6 Prozent der Erststimmen und Vorsprüngen von 5,9 und 4,7 Prozentpunkten. In Halle III hatten wir die Grünen vorn gesehen. Auch dort gewann Die Linke, mit 39,9 Prozent und 22,1 Prozentpunkten Vorsprung deutlich klarer als in den beiden anderen Wahlkreisen. Ein Hinweis steckt im Vergleich von Erst- und Zweitstimme von Linken und Grünen im selben Wahlkreis. Die Differenzen in diesen drei Wahlkreisen sind überaus groß:

In Halle III bekommen die Grünen bei den Zweitstimmen 33,7 Prozent und sind damit stärkste Kraft. Bei den Erststimmen kommen sie auf 12,2 Prozent. Die Linke macht die exakt gegenläufige Bewegung: 13,8 Prozent Zweitstimmen, 39,9 Prozent Erststimmen. Die Balken spiegeln sich fast perfekt, in allen drei Wahlkreisen.

Das ist kein diffuses Stimmensplitting, sondern ein Anzeichen für gezieltes taktisches Wählen. Die Seite taktisch-waehlen.de hat für genau diese Wahlkreise empfohlen, die Erststimme der Linken zu geben, um das Direktmandat gegen die AfD zu gewinnen, und die Zweitstimme SPD oder Grünen. Das Ergebnis in den Wahlkreisen 11, 36 und 37 sieht aus, als sei diese Empfehlung in nennenswertem Umfang befolgt worden.

Wir hatten genau das als Vorbehalt benannt. In der Abschlussprojektion stand unter „Was diese Projektion nicht kann“ der Punkt Kein taktisches Wählen, mit dem Hinweis: „Würden sich in einem Wahlkreis wie Magdeburg II die Stimmen der hinteren Parteien auch nur teilweise auf eine Kandidatur konzentrieren, kippte das Ergebnis.“ Genau das ist eingetreten, in Magdeburg II und in zwei weiteren Wahlkreisen.

Interessant ist, warum das taktische Splitting nur in Halle und Magdeburg Mandate gedreht hat. Die CDU verzeichnet landesweit den größten Erst-Zweit-Split überhaupt, +6,8 Prozentpunkte, und in Magdeburg III sogar +15,7. Nur lag die AfD dort jeweils so weit vorn, dass auch ein zweistelliger Bonus nicht reichte.


Der Umfragefehler auf Landesebene

Die Wahlkreisprojektion kann nur so gut sein wie der Landestrend, auf dem sie aufsetzt. Unser Wahltrend vom 4. September bündelte die öffentlich verfügbaren Institutsumfragen zu einem gewichteten Durchschnitt. Der Vergleich mit dem amtlichen Zweitstimmenergebnis:

Partei Wahltrend 04.09. Amtlich Abweichung
AfD 42,1% 43,8% +1,7
CDU 22,4% 17,2% −5,2
SPD 7,8% 9,3% +1,5
Grüne 5,6% 8,9% +3,3
Die Linke 11,7% 8,6% −3,1
BSW 4,0% 5,3% +1,3
FDP 2,9% 2,6% −0,3
Sonstige 3,6% 4,3% +0,7
Gesamt (mittlere absolute Abweichung) 100% 100% 2,2

Über alle acht Positionen liegt der mittlere absolute Fehler bei 2,2 Prozentpunkten, die Summe der Beträge bei 17,2 Prozentpunkten. Drei Punkte fallen auf:

Die CDU wurde deutlich überschätzt. Mit −5,2 Prozentpunkten ist das der mit Abstand größte Fehler. Alle Institute lagen hier zu hoch, unser Durchschnitt konnte das nicht korrigieren. Ein Durchschnitt gleicht Streuung zwischen Instituten aus, nicht deren gemeinsame Verzerrung.

Grüne und Linke wurden vertauscht. Wir hatten Die Linke bei 11,7 und die Grünen bei 5,6 Prozent, tatsächlich waren es 8,6 und 8,9 Prozent. Beide Fehler zeigen in entgegengesetzte Richtung und summieren sich auf gut sechs Prozentpunkte. Ein weiteres deutliches Anzeichen für taktisches Wählen im Spektrum links der Mitte.

Das BSW hat die Hürde geschafft. Wir hatten es mit 4,0 Prozent draußen, tatsächlich sind es 5,3 Prozent. Das ist der einzige Schwellenwechsel, aber ein folgenreicher: Unsere Sitzprojektion rechnete mit fünf Fraktionen und einer Mehrheit ohne AfD von genau einem Sitz. Mit dem BSW und mit Grünen bei 8,9 statt 5,6 Prozent sieht die Sitzarithmetik anders aus als beschrieben. Die Aussage, dass die Mehrheitsfrage an der Sperrklausel hängt, war richtig. Welche Partei dort zittert, hatten wir auf Basis der Umfragewerte anders auf dem Zettel.


Abweichungen je Wahlkreis

Nun zu den Abweichungen auf Wahlkreisebene. Wir berechnen die mittlere Abweichung über acht Positionen, also die sieben in den Umfragen regelmäßig erhobenen Parteien sowie die Sonstigen zusammengefasst. Rot markiert sind die drei Wahlkreise, in denen wir den Erststimmensieger verfehlt haben.

WK Wahlkreis projiziert amtlich Ø Abweichung je Partei
01 Salzwedel AfD AfD 1,9 Pp.
02 Gardelegen-Klötze AfD AfD 2,0 Pp.
03 Havelberg-Osterburg AfD AfD 1,3 Pp.
04 Stendal AfD AfD 2,0 Pp.
05 Genthin AfD AfD 1,8 Pp.
06 Burg AfD AfD 2,1 Pp.
07 Haldensleben AfD AfD 2,4 Pp.
08 Wolmirstedt AfD AfD 1,3 Pp.
09 Oschersleben-Wanzleben AfD AfD 2,7 Pp.
10 Magdeburg I AfD AfD 1,7 Pp.
11 Magdeburg II AfD Linke 4,0 Pp.
12 Magdeburg III AfD AfD 3,3 Pp.
13 Magdeburg IV AfD AfD 1,9 Pp.
14 Halberstadt AfD AfD 3,8 Pp.
15 Blankenburg AfD AfD 1,4 Pp.
16 Wernigerode AfD AfD 1,9 Pp.
17 Quedlinburg AfD AfD 1,9 Pp.
18 Aschersleben AfD AfD 2,1 Pp.
19 Staßfurt AfD AfD 2,9 Pp.
20 Schönebeck AfD AfD 1,9 Pp.
21 Bernburg AfD AfD 3,1 Pp.
22 Köthen AfD AfD 2,9 Pp.
23 Zerbst AfD AfD 3,0 Pp.
24 Wittenberg AfD AfD 2,3 Pp.
25 Jessen AfD AfD 2,3 Pp.
26 Dessau-Roßlau AfD AfD 3,7 Pp.
27 Dessau-Roßlau-Wittenberg AfD AfD 2,4 Pp.
28 Bitterfeld-Wolfen AfD AfD 1,4 Pp.
29 Saalekreis AfD AfD 2,5 Pp.
30 Eisleben AfD AfD 2,9 Pp.
31 Sangerhausen AfD AfD 2,5 Pp.
32 Querfurt AfD AfD 2,4 Pp.
33 Merseburg AfD AfD 3,0 Pp.
34 Bad Dürrenberg-Saalekreis AfD AfD 1,9 Pp.
35 Halle I AfD AfD 2,0 Pp.
36 Halle II AfD Linke 3,9 Pp.
37 Halle III Grüne Linke 5,1 Pp.
38 Halle IV AfD AfD 2,1 Pp.
39 Weißenfels AfD AfD 4,2 Pp.
40 Naumburg AfD AfD 1,6 Pp.
41 Zeitz AfD AfD 2,5 Pp.
Gesamt (41 Wahlkreise) 38 von 41 korrekt (92,7%) 2,5 Pp.

Die Spannweite reicht von 1,3 Prozentpunkten in Havelberg-Osterburg bis 5,1 in Halle III. Die Höhe der Abweichungen ist erneut Anzeichen für lokale Wahlkampfbesonderheiten vor Ort.

Insgesamt bewegen sich die Abweichungen je Partei und Wahlkreis in der Erststimmenprojektion in einem ähnlichen Korridor wie der Umfragefehler auf Landesebene (2,2 Pp.) bei den Zweitstimmen. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf die Stärke unserer Modellierung, denn: Die Nowcast-Projektion fügte dem Umfragefehler kaum einen eigenen Fehler hinzu.


Was wir daraus lernen

Erstens: Modellieren ist das eine; abstimmen tun am Ende immer die Wählerinnen und Wähler. Die Erststimmenkarte war zu 92,7 Prozent korrekt. Eine derart hohe Quote ist nicht immer zu erwarten, denn ein Modell, das historische Ergebnisse mit aktuellen Landestrends fortschreibt, kann eine Wahlempfehlung wenige Wochen vor der Wahl nicht kennen.

Zweitens: Taktisches Wählen ist messbar geworden. Der Erst-Zweit-Split der Linken lag landesweit bei +3,2 Prozentpunkten, in den drei betroffenen Wahlkreisen bei +16,8 bis +26,1. Das ist eine Größenordnung, die man in künftigen Projektionen berücksichtigen kann, wenn man weiß, wo man hinschauen muss: z.B. in Wahlkreisen mit städtischen Milieus, in denen eine Kandidatur realistische Chancen gegen einen AfD-Vorsprung hätte. Das waren hier 3 von 41.

Drittens: Der Umfragedurchschnitt hat eine gemeinsame Verzerrung nicht vollständig heilen können. Der CDU-Fehler von 5,2 Prozentpunkten bei den Zweitstimmen steckte in allen Erhebungen. Ein gewichteter Durchschnitt reduziert die Streuung zwischen Instituten, nicht deren geteilte Fehleinschätzung.


Ausblick

Alle Zahlen dieses Beitrags beruhen auf dem vorläufigen amtlichen Endergebnis. Sollte das endgültige Ergebnis Abweichungen bringen, aktualisieren wir die Auswertung.

Die nächsten Landtagswahlen, für die wir Wahlkreisprojektionen vorbereiten, finden in wenigen Wochen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin statt. Die Lehren aus Sachsen-Anhalt fließen dort in das Modell ein.

Alle Wahlkreisdaten zur Landtagswahl
Ergebnisse, Projektionen und der Vergleich zu 2021 für alle 41 Wahlkreise, für „Sachsen-Anhalt Standard“-Abonnenten einzeln abrufbar:

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