Am Sonntag, dem 6. September 2026, wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Dies ist unsere letzte Projektion vor der Wahl, auf Basis des poll.graphics-Wahltrends vom 4. September und einer Monte-Carlo-Simulation mit 14.000 Durchläufen.
Der poll.graphics-Wahltrend ist keine eigene Umfrage, sondern ein gewichteter Durchschnitt aller öffentlich verfügbaren Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Auf diese Weise gleichen sich die Ausreißer einzelner Institute aus, und es entsteht ein stabileres Bild als aus jeder Einzelumfrage.
Nach der Analyse der Wettbewerbssituation im Juli hat sich an der Wahlkreiskarte wenig verändert. Die Mehrheitsarithmetik im Landtag ist weiterhin sehr knapp: Die rechnerische Mehrheit gegen die AfD beträgt nur 2 Sitze und sie hängt an einer Partei, die nur knapp über der Sperrklausel liegt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Mehrheit ohne AfD beträgt zwei Sitze. CDU, Linke, SPD und Grüne kämen zusammen auf 44 von 84 Sitzen; nötig sind 43. Alle vier Fraktionen werden gebraucht; jede Dreier-Kombination scheitert.
- Die Mehrheit hängt an den Grünen. Verfehlen die Grünen die 5-Prozent-Hürde, gibt es rechnerisch keine Mehrheit ohne die AfD mehr.
- Die AfD verfehlt die absolute Mehrheit. 40 von 84 Sitzen, drei zu wenig. Für Zwei-Drittel-Entscheidungen hätte sie jedoch eine Sperrminorität.
- Die Direktmandate werden per relativer Mehrheit vergeben. In der Projektion zum 4. September 2026 führt die AfD in 40 Wahlkreisen, die Grünen in einem.
Die Zwei-Sitz-Mehrheit
Der Umfragedurchschnitt zum 4. September lautet gerundet: AfD 42%, CDU 22%, Die Linke 12%, SPD 8%, Grüne 6%, BSW 4%, Sonstige 4%, FDP 3%. Daraus und aus den Wahlkreisprojektionen ergibt sich folgende Sitzverteilung.
Bei 84 Sitzen liegt die absolute Mehrheit bei 43. Damit sind drei Aussagen möglich:
1. Es gibt genau eine Mehrheit ohne die AfD, und sie umfasst alle vier übrigen Fraktionen.
| Konstellation | Sitze | Mehrheit (43)? |
|---|---|---|
| CDU + Linke + SPD + Grüne | 44 | ja (+1) |
| AfD allein | 40 | nein (−3) |
| CDU + Linke + SPD | 39 | nein (−4) |
| CDU + Linke + Grüne | 37 | nein (−6) |
| CDU + SPD + Grüne („Kenia“) | 33 | nein (−10) |
| CDU + SPD (Regierung seit 2021, ohne FDP) | 28 | nein (−15) |
2. Diese Mehrheit hängt an den Grünen. Mit 6% liegen sie nur knapp über der Sperrklausel. Verfehlen sie die 5 Prozent, entfallen ihre fünf Sitze, und dann liegt die AfD mit abgerundet 42% allein über dem, was CDU, Linke und SPD zusammen auf sich vereinen (aufgerundet 42%). Eine Mehrheit ohne die AfD gäbe es in diesem Fall rechnerisch nicht mehr, unabhängig davon, nach welchem Verfahren die Sitze verteilt werden. Das ist die wahrscheinlich folgenreichste offene Frage dieser Wahl.
3. Die AfD hätte eine Sperrminorität. Für Zwei-Drittel-Entscheidungen wären 56 der 84 Stimmen nötig. Mit 40 Sitzen liegt die AfD weit über einem Drittel und könnte solche Beschlüsse allein blockieren, etwa Verfassungsänderungen oder Wahlen, die eine qualifizierte Mehrheit voraussetzen.
Projektion für die 41 Wahlkreise
Die linke Karte zeigt, welche Partei in jedem Wahlkreis in der Projektion bei den Erststimmen vorn liegt: die AfD in 40 der 41 Wahlkreise, die Grünen in Halle III.
Diese 40 sind allerdings leicht misszuverstehen. Jeder Wahlkreis wird per relativer Mehrheit entschieden, eine Stichwahl gibt es nicht: Wer die meisten Erststimmen hat, gewinnt, auch mit 25 Prozent. Die Größe der AfD-Vorsprünge misst deshalb nicht allein die Stärke der AfD, sondern mindestens ebenso sehr die potenzielle Zersplitterung aller anderen.
Das deutlichste Beispiel ist Magdeburg II. Dort führt die AfD in der Projektion mit nur 24 Prozent der Erststimmen. Gut drei Viertel der Wählerinnen und Wähler stimmen dort also nicht für die AfD, und trotzdem gewinnt sie in der Projektion den Wahlkreis, weil sich diese drei Viertel auf andere Kandidaturen verteilen.
Daraus folgt unmittelbar: Würden sich die Stimmen der übrigen Parteien auch nur teilweise auf eine einzige Kandidatur konzentrieren, sähe das Ergebnis anders aus. Genau davon geht unsere Projektion nicht aus: Sie schreibt das Wahlverhalten von 2021 mit dem Landestrend fort und kennt kein taktisches Wählen bei den Erststimmen über das Maß bei der letzten Wahl hinaus.
Die rechte Karte zeigt die andere Hälfte der Rechnung: wer jeweils auf Platz zwei liegt und damit die schärfste Konkurrenz für den Führenden darstellt. Landesweit ergeben sich daraus vier Wettbewerbskonstellationen:
| Paarung (1./2. Platz) | Wahlkreise |
|---|---|
| AfD vor CDU | 37 |
| AfD vor SPD (Wernigerode, Weißenfels) | 2 |
| AfD vor Linke (Halberstadt) | 1 |
| Grüne vor AfD (Halle III) | 1 |
Methodik in Kürze
Datengrundlage: die amtlichen Ergebnisse der Landtagswahl 2021, fortgeschrieben mit dem poll.graphics-Wahltrend zum 4. September 2026. Der Wahltrend fasst alle öffentlich verfügbaren Umfragen zur Landtagswahl zu einem Durchschnitt zusammen, gewichtet nach Erhebungszeitraum und Stichprobengröße. Er ist damit keine eigene Erhebung, sondern eine Verdichtung der publizierten Institutsdaten.
Nowcast: Für jeden der 41 Wahlkreise werden Erststimmenanteile je Partei projiziert. Die Erststimme steht im Mittelpunkt, weil sie über die Direktmandate entscheidet; die Sitzverteilung folgt aus den Zweitstimmen plus den gewonnenen Wahlkreisen.
Monte-Carlo-Simulation: 14.000 Durchläufe mit zufälligen, größenabhängigen Schwankungen der Parteiwerte auf Wahlkreisebene, unter Berücksichtigung von Stichprobenfehlern, regionalen Abweichungen und historischen Differenzen zwischen Erst- und Zweitstimme. Gezählt wird, wie oft jede Partei den jeweiligen Wahlkreis gewinnt.
Sitzzuteilung: 83 Grundmandate (41 Direkt-, 42 Listenmandate), 5-Prozent-Hürde, Hare-Niemeyer-Verfahren, Überhangmandate werden erhalten und ausgeglichen.
Was diese Projektion nicht kann
Keine lokalen Faktoren. Das Modell bildet weder Kandidateneffekte noch lokale Themen oder Wahlkampfintensität ab. In Wahlkreisen mit prominenten Direktkandidierenden können die realen Ergebnisse deutlich abweichen.
Kein taktisches Wählen. Das Modell schreibt die Ergebnisse von 2021 mit dem Landestrend fort. Es unterstellt damit, dass die Erststimme so vergeben wird, wie es der Trend nahelegt, und nicht danach, welche Kandidatur vor Ort die besten Chancen gegen die führende Partei hätte. Bei relativen Mehrheiten ist genau das die entscheidende Unbekannte: Würden sich in einem Wahlkreis wie Magdeburg II die Stimmen der hinteren Parteien auch nur teilweise auf eine Kandidatur konzentrieren, kippte das Ergebnis. Wahlempfehlungen, Kandidatenbekanntheit und Stimmungswechsel in der Schlusswoche bildet das Modell nicht ab. Die projizierten Vorsprünge beschreiben die Ausgangslage, nicht zwingend die Enge des Rennens am Wahlabend.
Die Sperrklausel ist ein harter Schnitt. Grüne (6%), BSW (4%) und FDP (3%) liegen so nah an der 5-Prozent-Grenze, dass kleine Verschiebungen die Sitzverteilung stark verändern. Unsere Mehrheitsrechnung ist gegenüber diesen drei Werten deutlich empfindlicher als gegenüber dem AfD-Wert.
Umfragewerte sind Momentaufnahmen. Der Wahltrend vom 4. September beschreibt den Stand von zwei Tagen vor der Wahl. Bis Sonntag kann sich die Stimmung noch verschieben, und Umfragen haben ihrerseits Fehlerspannen, die das Modell nur näherungsweise abbildet.
Keine Wahlkreisumfragen. Es handelt sich um eine Fortschreibung von Landestrends auf historische Wahlkreismuster, nicht um Erhebungen vor Ort.
Die Detailwerte aller 41 Wahlkreise, also die projizierten Erststimmenanteile je Partei und die Gewinnwahrscheinlichkeiten aus 14.000 Simulationsläufen, stehen Abonnentinnen und Abonnenten von „Sachsen-Anhalt Standard“ zur Verfügung. Dort sind sie bis zum Wahltag täglich aktualisiert abrufbar, Wahlkreis für Wahlkreis, samt Direktkandidierenden und Sitzverteilung.
Ausblick
Am Wahlabend zeigt poll.graphics die Auszählung der Ergebnisse aller 41 Wahlkreise live.
In den Tagen danach folgt der Faktencheck: Wie viele Wahlkreise haben wir korrekt projiziert, wie groß war die durchschnittliche Abweichung je Partei, und wo lagen die größten Überraschungen?
Nowcast, Simulation, Direktkandidierende und Sitzverteilung, täglich aktualisiert und für jeden Wahlkreis einzeln abrufbar:




