Faktencheck zu den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern

Am 20. September haben Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Zwei Tage vorher haben wir unsere Abschlussprojektionen für alle 78 Berliner AGH-Wahlkreise und alle 36 Wahlkreise in Mecklenburg-Vorpommern veröffentlicht. Hier ist der versprochene Faktencheck und weil damit die fünfte Wahl dieses Jahres ausgewertet ist, zugleich die Gesamtbilanz.

Kennzahl Berlin Mecklenburg-Vorpommern
Korrekt projizierte Wahlkreissieger 64 von 78 (82,1%) 28 von 36 (77,8%)
Vorab veröffentlichte Erwartung 60 von 78 31 von 36
Mittlerer Fehler des Wahltrends 1,7 Pp. 1,3 Pp.
Mittlere Abweichung je Partei und Wahlkreis 2,4 Pp. 2,9 Pp.

Fünf Wahlen, 277 Wahlkreise

Seit März haben wir für fünf Wahlen eine Wahlkreisprojektion veröffentlicht und jedes Mal angekündigt, uns daran messen zu lassen. Seit Mecklenburg-Vorpommern und Berlin veröffentlichen wir zusätzlich vorab, wie treffsicher wir die eigene Projektion halten: Die Monte-Carlo-Simulation liefert je Wahlkreis eine Siegeswahrscheinlichkeit, und deren Mittelwert ist die erwartete Trefferquote. Für die drei früheren Wahlen haben wir sie nachträglich aus den unveränderten Simulationsdaten berechnet.

Wahl Wahl­tag Wahl­kreise Ø Siegeswahr­scheinlichkeit daraus erwartet tatsächlich korrekt Treffer­quote
Baden-Württemberg 08.03.26 70 70,6% 49 54 (+5) 77,1%
Rheinland-Pfalz 22.03.26 52 77,6% 40 37 (−3) 71,2%
Sachsen-Anhalt 06.09.26 41 95,9% 39 38 (−1) 92,7%
Mecklenburg-Vorpommern 20.09.26 36 86,0% 31 28 (−3) 77,8%
Berlin 20.09.26 78 76,9% 60 64 (+4) 82,1%
Alle fünf Wahlen 2026 277 79,4% 219 221 79,8%

Die Ø Siegeswahrscheinlichkeit der Summenzeile ist über alle 277 Wahlkreise gemittelt; die Spalte „daraus erwartet“ addiert die gerundeten Einzelwerte.

Jeder Punkt ist eine Wahl. Auf der gestrichelten Linie hätte das Modell genau so gut wie sein eigener Erwartungswert abgeschnitten; darüber besser, darunter schlechter.

Über alle 277 Wahlkreise gemittelt lag die Siegeswahrscheinlichkeit der jeweils führenden Partei bei 79,4 Prozent. Erreicht haben wir 79,8 Prozent oder in anderen Worten: 221 korrekt projizierte Wahlkreise gegenüber 219 erwarteten. Zwei Wahlkreise Unterschied bei 277: Im Aggregat beschreibt das Modell seine eigene Unsicherheit also erstaunlich genau.

Je einzelne Wahl gilt das nicht ganz. Die Abweichung reicht von fünf Wahlkreisen über der Erwartung (Baden-Württemberg) bis zu drei darunter (Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz). Die Trefferquote selbst schwankt zwischen 71,2 und 92,7 Prozent. Die Bandbreite gibt Hinweise über die Lage im jeweiligen Bundesland: Wo eine Partei überall klar führt, ist eine Karte tendenziell leichter zu treffen als wo fünf Parteien realistisch um dieselben Wahlkreise konkurrieren. Genau das misst die Siegeswahrscheinlichkeit vorab, und genau deshalb ist sie eine ehrliche Einschätzung zur Vorhersagekraft.


Berlin: 64 von 78

Projektion 18. SeptemberBerlin AGH-Wahlkreisprojektion 18. September 2026
Wahlergebnis 20. SeptemberBerlin Erststimmen Wahlkreissieger AGH-Wahl 2026

64 von 78 Wahlkreisen richtig, vier mehr als die 60, die wir vorab erwartet hatten und das in der schwierigsten Ausgangslage des Jahres, mit fünf Parteien mit realistischen Chancen auf Wahlkreissiege. Die vier Zonen der Karte stimmten: CDU am west- und südlichen Stadtrand, Die Linke in der Innenstadt und im inneren Osten, die Grünen in der westlichen Innenstadt, die AfD im äußeren Osten. Verschoben haben sich die Grenzen dazwischen.

Interessant ist, wo wir falsch lagen: In allen 45 Wahlkreisen, in denen die Simulation 75 Prozent Siegeswahrscheinlichkeit oder mehr gegeben hatte, stimmte die Projektion. Jeder einzelne der 14 Fehler steckt in einem Wahlkreis, den wir vorab als relativ unsicher ausgewiesen hatten; der höchste Wert unter den Fehlern liegt bei 65 Prozent Siegeswahrscheinlichkeit.


Die zwölf Berliner Bezirke

Berlin hat am selben Tag auch die zwölf Bezirksverordnetenversammlungen gewählt, und auch dafür haben wir Projektionen erstellt. Bilanz, jeweils ohne Berücksichtigung der Reihenfolge: 10 von 12 stärksten Parteien (83,3%) richtig (die beiden Fehler, Treptow-Köpenick und Tempelhof-Schöneberg, gehören zu den drei engsten Rennen), 64 von 72 BA-Vorschlagsrechten (88,9%) und 603 von 660 BVV-Sitzen (91,4%) korrekt projiziert. Die größten Abweichungen beruhen hier zum größten Teil auf dem Umfragefehler; also den Abweichungen von den letzten Umfragen zum Wahlergebnis. Eine Grenze war auch struktureller Natur: 9 der 660 Sitze gingen an Parteien, die unsere Projektion bei null hatte: Volt 6, Tierschutzpartei 3. In der BVV liegt die Hürde bei drei statt fünf Prozent, und unsere Projektion führte die kleinen Parteien nur als gemeinsamen Posten unter „Sonstige".


Mecklenburg-Vorpommern: 28 von 36

Projektion 18. SeptemberMecklenburg-Vorpommern Wahlkreisprojektion 18. September 2026
Wahlergebnis 20. SeptemberMecklenburg-Vorpommern Erststimmen Wahlkreissieger 2026

Hier ist das Bild spiegelbildlich. 28 von 36 Wahlkreisen richtig, drei weniger als erwartet. Wir hatten die AfD in 30 Wahlkreisen vorn gesehen und die SPD in sechs; tatsächlich gewann die AfD 22 und die SPD 14. Und das, obwohl der Wahltrend mit 1,3 Prozentpunkten mittlerem Fehler der genaueste war, den wir je hatten. Die Umfragen lagen im Prinzip richtig mit einem doch wichtigen Haken: Der Umfragedurchschnitt hatte die CDU bei 6,7 Prozent, amtlich sind es 4,89 und damit knapp unter der 5%-Hürde. Erstmals seit 1990 sitzt keine CDU-Fraktion im Schweriner Landtag.

Falsch war eine Strukturannahme: Das Ausmaß in dem die SPD es geschafft hat, bei der Erststimme Wählerinnen und Wähler von sich zu überzeugen, die bei der Zweitstimme andere Parteien gewählt haben, um AfD-Direktmandate zu verhindern. Ähnlich wie in Sachsen-Anhalt war taktisches Wählen insbesondere in städtischen Milieus in Mecklenburg-Vorpommern erfolgreich.

Die Richtung hatten wir benannt, das Ausmaß nicht. In der Abschlussprojektion stand unter „Was diese Projektion nicht kann": „Dort könnten Erststimmen für die SPD aus dem Lager von Linken und Grünen mehr Direktmandate bringen, als diese Projektion ausweist. Die Abweichung ginge dann einseitig zulasten der AfD." Genau das ist eingetreten — nur erwartet hatten wir es in fünf knappen Wahlkreisen, gewirkt hat es landesweit.

Was wir daraus lernen

Erstens: Kommunikation der durchschnittlichen Siegeswahrscheinlichkeit. Das poll.graphics-Modell gibt eine Selbsteinschätzung, wie präzise die Projektionen einzuschätzen sind. Diese Kennzahl werden wir stärker kommunizieren.

Zweitens: Taktisches Wählen unterschätzt. In Mecklenburg-Vorpommern wie auch schon zuvor in Sachsen-Anhalt ist es in Teilen zu starkem taktischen Wählen gekommen. Hier werden wir das Modell nachschärfen.

Drittens: Berücksichtigung kleinerer Parteien. In den Bezirksanalysen für Berlin wurde deutlich, dass wir eine Leerstelle bei Parteien haben, für die keine Umfragewerte vorliegen. Hier werden wir über neue Ansätze nachdenken.


Ausblick

Alle Zahlen beruhen auf den vorläufigen amtlichen Endergebnissen vom 21. September, beide Wahlgebiete vollständig ausgezählt. Sollten die endgültigen Ergebnisse Abweichungen bringen, aktualisieren wir die Auswertung. Die nächste Landtagswahlen in Deutschland sind die Wahlen in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Bremen und dem Saarland, die alle im Frühjahr 2027 stattfinden werden. Für alle diese Wahlen erstellen wir tägliche Nowcast-Projektionen.

Alle Wahlkreisdaten zu beiden Wahlen
Ergebnisse, Projektionen und der Vergleich zur Vorwahl für alle 78 Berliner und 36 Mecklenburger Wahlkreise, für Abonnentinnen und Abonnenten einzeln abrufbar:

→ Berlin
→ Mecklenburg-Vorpommern

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