Die Situation in Schleswig-Holstein 6 Monate vor der Landtagswahl

Am 18. April 2027 wählt Schleswig-Holstein einen neuen Landtag. Gut sechs Monate vorher schauen wir auf alle 35 Wahlkreise: Wer liegt vorn, wer ist Zweiter, und wo ist das Rennen offen? Grundlage sind der poll.graphics-Wahltrend vom 1. Oktober und die Ergebnisse der Landtagswahl 2022.

Der poll.graphics-Wahltrend ist keine eigene Umfrage. Er ist ein gewichteter Durchschnitt aller veröffentlichten Landtagswahlumfragen. Für Schleswig-Holstein gibt es davon wenige: In diesem Jahr sind nur zwei erschienen, von infratest dimap am 16. April und von INSA am 14. Juli.

Die CDU liegt im Wahltrend mit aktuell 29,8 Prozent klar vorn, hat aber seit der Wahl 2022 mehr als 13 Punkte verloren. Die schwarz-grüne Landesregierung käme auf die knappste mögliche Mehrheit: 46 von 91 Sitzen.

Wichtiger Hinweis: Es handelt sich um einen Nowcast, eine Projektion für das Hier und Jetzt auf Basis der Daten vom 1. Oktober 2026, nicht um eine Prognose für den Wahltag. Mehr zur Methode hier.

Das Wichtigste in Kürze

  • Schwarz-Grün hätte eine Mehrheit von einem Sitz. CDU und Grüne kämen auf 46 von 91 Sitzen. Mehrheiten hätten auch Jamaika (51) sowie CDU und SPD mit FDP oder SSW (je 47).
  • Die 5-Prozent-Hürde. Die FDP liegt im Wahltrend mit 5,1 Prozent denkbar knapp über der Hürde. Scheitert sie, hätte Schwarz-Grün eine deutlich größere Mehrheit.
  • Die CDU würde 29 der 35 Wahlkreise gewinnen. Mit 29,8 Prozent stünden ihr aber nur rund 22 der 69 Regelsitze zu. Durch Überhang- und Ausgleichsmandate wüchse der Landtag auf 91 Sitze.
  • Drei Wahlkreise würden wechseln. Die Grünen gewönnen Flensburg, die SPD Kiel-Ost und Lübeck-West, jeweils von der CDU.

Sitzverteilung am 1. Oktober

Der poll.graphics-Wahltrend vom 1. Oktober lautet: CDU 29,8%, Grüne 17,9%, AfD 16,6%, SPD 13,6%, Die Linke 6,5%, SSW 5,5%, FDP 5,1%, Sonstige 4,9%. Zusammen mit den projizierten Wahlkreissiegern ergibt sich folgende Sitzverteilung:

Sitzverteilung im Landtag Schleswig-Holstein, Projektion vom 1. Oktober 2026
Partei Zweitstimme Direktmandate Liste Sitze
CDU 29,8% 29 0 29
B90/Grüne 17,9% 4 13 17
AfD 16,6% 0 16 16
SPD 13,6% 2 11 13
Die Linke 6,5% 0 6 6
SSW 5,5% 0 5 5
FDP 5,1% 0 5 5
Gesamt 35 56 91

Der Landtag hat 69 Regelsitze, 35 davon werden in den Wahlkreisen vergeben. Die Zweitstimme entscheidet, wie viele Sitze jeder Partei zustehen. Gewinnt eine Partei mehr Wahlkreise, als ihr nach Zweitstimmen zustehen, behält sie diese Überhangmandate, und die übrigen Parteien erhalten Ausgleichsmandate. Der SSW als Partei der dänischen Minderheit ist von der Fünf-Prozent-Hürde befreit.

In dieser Projektion gewinnt die CDU 29 Wahlkreise, obwohl ihr nach Zweitstimmen nur rund 22 Sitze zustehen. Durch den Ausgleich wächst der Landtag auf 91 Sitze, 22 mehr als die Regelgröße. Die Mehrheit liegt bei 46 Sitzen.


Wer hätte eine Mehrheit?

Die amtierende Koalition aus CDU und Grünen käme auf 46 Sitze, genau die Mehrheit. Vier denkbare Dreierbündnisse hätten mit 47 bis 51 Sitzen eine etwas breitere Mehrheit.

Koalition Sitze Mehrheit (46)?
CDU + Grüne + FDP (Jamaika, Landesregierung 2017–2022) 51 ja (+5)
CDU + Grüne + SSW 51 ja (+5)
CDU + SPD + FDP 47 ja (+1)
CDU + SPD + SSW 47 ja (+1)
CDU + Grüne (Landesregierung seit 2022) 46 ja (±0)
CDU + SPD 42 nein (−4)
Grüne + SPD + Die Linke + SSW 41 nein (−5)
Grüne + SPD + SSW 35 nein (−11)

Die Wahlkreise entscheiden nicht über die Mehrheit. Weil Überhangmandate ausgeglichen werden, folgt die Sitzverteilung den Zweitstimmen. Gewinnt die CDU einen Wahlkreis mehr oder weniger, ändert sich vor allem die Größe des Landtags. Bei einer Mehrheit von genau einem Sitz kann allerdings schon die Rundung bei der Sitzverteilung den Ausschlag geben.


Der Weg dahin: Januar bis Oktober

Wir haben die Projektion für den Ersten jedes Monats berechnet. In Schleswig-Holstein wird selten gefragt: Der Wahltrend hat sich in diesem Jahr nur zweimal bewegt, nach der Umfrage von infratest dimap im April und nach der INSA-Umfrage im Juli. Die Linien verlaufen deshalb in drei Stufen.

Die Wahlkreise seit Januar

Wahlkreise, in denen jede Partei in unserer Projektion vorn läge. Datenpunkte jeweils am Monatsersten.


Die Grafik zeigt drei Entwicklungen:

1. Die CDU verliert, bleibt aber weit vorn. Im Wahltrend ist die CDU von 39 Prozent zu Jahresbeginn auf 29,8 Prozent gefallen. Ihr Vorsprung auf die zweitplatzierten Grünen beträgt aber immer noch fast zwölf Punkte. In den Wahlkreisen kostet sie das nur fünf ihrer 34 Führungen.

2. Die Grünen sind die Gewinner der Frühjahrsumfrage. Mit dem Sprung von 13 auf über 17 Prozent im April übernahmen sie die Führung in vier Wahlkreisen: in Kiel-Nord, Kiel-West und Lübeck-Süd, die sie schon 2022 gewonnen hatten, und neu in Flensburg.

3. Die SPD gewinnt im Sommer hinzu. Seit der Umfrage im Sommer kann die SPD Führungen in Kiel-Ost und Lübeck-West verzeichnen.


Stärkste und zweitstärkste Partei in den 35 Wahlkreisen

Stärkste ParteiWahlkreise in Schleswig-Holstein, Projektion der stärksten Partei, 1. Oktober 2026
Zweitstärkste ParteiWahlkreise in Schleswig-Holstein, Projektion der zweitstärksten Partei, 1. Oktober 2026

Die linke Karte zeigt, welche Partei in jedem Wahlkreis bei den Erststimmen vorn läge: die CDU in 29, die Grünen in 4 (Flensburg, Kiel-Nord, Kiel-West, Lübeck-Süd) und die SPD in 2 (Kiel-Ost, Lübeck-West). AfD und SSW lägen in keinem Wahlkreis vorn.

Gegenüber 2022 würden drei Wahlkreise den Besitzer wechseln, alle drei von der CDU: Flensburg an die Grünen, Kiel-Ost und Lübeck-West an die SPD. Die drei Grünen-Wahlkreise von 2022 blieben grün.

Die rechte Karte zeigt, wer Zweiter wäre. Hinter der CDU teilen sich drei Parteien den zweiten Platz fast gleichmäßig: die AfD in 11 Wahlkreisen, Grüne und SPD in je 9.

Wettbewerbskonstellationen

Die folgende Karte fasst beide Karten zusammen. Jeder Wahlkreis zeigt die beiden Parteien auf Platz 1 und 2, unabhängig davon, welche von beiden führt.


Wahlkreise in Schleswig-Holstein, Wettbewerbskonstellation aus führender Partei und stärkster Herausforderin, 1. Oktober 2026
Konstellation Wahlkreise
CDU ↔ Grüne (CDU führt in 9, Grüne in Flensburg, Kiel-Nord, Kiel-West) 12
CDU ↔ AfD (CDU führt überall) 11
CDU ↔ SPD 9
AfD ↔ SPD (SPD führt in Kiel-Ost, Lübeck-West) 2
Grüne ↔ SPD (Lübeck-Süd) 1

Was die Konstellationen zeigen: Die CDU ist an 32 der 35 Duelle beteiligt. Die drei Ausnahmen liegen alle in Kiel und Lübeck. Die AfD ist in 13 Wahlkreisen Zweite, vor allem in Dithmarschen, Mittelholstein, Ostholstein und Lauenburg. Auffällig sind Kiel-Ost und Lübeck-West: Dort liegen SPD, AfD, Grüne und CDU so dicht beieinander, dass die AfD Zweite wäre, obwohl sie landesweit nur drittstärkste Kraft ist. Der SSW kommt in seinem Kerngebiet um Flensburg und Nordfriesland auf den dritten Platz.


Alle 35 Wahlkreise im Überblick (01.10.2026)

Die Einschätzung beruht auf der Monte-Carlo-Simulation mit 10.000 Durchläufen. In jedem Durchlauf werden die Erststimmenanteile aller Parteien im Wahlkreis zufällig variiert. Gezählt wird, wie oft jede Partei den Wahlkreis gewinnt. Maßgeblich ist der Abstand zwischen den Gewinnwahrscheinlichkeiten der beiden stärksten Parteien:

Kategorie Vorsprung Gewinnwahrscheinlichkeit Bedeutung Anzahl WK (01.10.)
🔴 Auf Kippe < 10% Offenes Rennen, in mehrere Richtungen realistisch 1
🟠 Umkämpft 10% – 50% Führung vorhanden, aber angreifbar 4
🟡 Tendenz 50% – 90% Klarer Vorteil, aber nicht unangreifbar 23
🟢 Klarer Vorsprung > 90% Derzeit praktisch sicher 7

Alle sieben sicheren Wahlkreise gehören der CDU. Die offenen Rennen liegen fast alle in den Städten: Lübeck-Ost ist ein Zweikampf zwischen CDU und SPD und steht auf Kippe. Kiel-Ost und Lübeck-West sind Vierkämpfe, in denen die SPD knapp vor der AfD führt. In Flensburg haben die Grünen einen Vorsprung von gut fünf Punkten auf die CDU, in Pinneberg führt die CDU vor Grünen und SPD.

Nr Wahlkreis Führend 2. Platz 3. Platz Einschätzung
01 Nordfriesland-Nord CDU B90/Grüne AfD 🟢 Klarer Vorsprung
02 Nordfriesland-Süd CDU B90/Grüne SSW 🟡 Tendenz
03 Flensburg B90/Grüne CDU SSW 🟠 Umkämpft
04 Flensburg-Land CDU B90/Grüne SSW 🟡 Tendenz
05 Schleswig CDU SPD B90/Grüne 🟡 Tendenz
06 Dithmarschen-Schleswig CDU AfD SPD 🟢 Klarer Vorsprung
07 Dithmarschen-Süd CDU AfD SPD 🟡 Tendenz
08 Eckernförde CDU SPD AfD 🟢 Klarer Vorsprung
09 Rendsburg-Ost CDU B90/Grüne SPD 🟡 Tendenz
10 Rendsburg CDU AfD SPD 🟢 Klarer Vorsprung
11 Neumünster CDU AfD SPD 🟡 Tendenz
12 Kiel-Nord B90/Grüne CDU SPD 🟡 Tendenz
13 Kiel-West B90/Grüne CDU SPD 🟡 Tendenz
14 Kiel-Ost SPD AfD CDU 🟠 Umkämpft
15 Plön-Nord CDU SPD B90/Grüne 🟡 Tendenz
16 Plön-Ostholstein CDU B90/Grüne AfD 🟢 Klarer Vorsprung
17 Ostholstein-Nord CDU AfD SPD 🟡 Tendenz
18 Ostholstein-Süd CDU SPD AfD 🟡 Tendenz
19 Steinburg-West CDU AfD B90/Grüne 🟢 Klarer Vorsprung
20 Steinburg-Ost CDU AfD SPD 🟡 Tendenz
21 Elmshorn CDU SPD B90/Grüne 🟡 Tendenz
22 Pinneberg-Nord CDU B90/Grüne AfD 🟢 Klarer Vorsprung
23 Pinneberg-Elbmarschen CDU B90/Grüne SPD 🟡 Tendenz
24 Pinneberg CDU B90/Grüne SPD 🟠 Umkämpft
25 Segeberg-West CDU AfD SPD 🟡 Tendenz
26 Segeberg-Ost CDU AfD SPD 🟡 Tendenz
27 Norderstedt CDU SPD B90/Grüne 🟡 Tendenz
28 Stormarn-Nord CDU SPD B90/Grüne 🟡 Tendenz
29 Stormarn-Mitte CDU B90/Grüne SPD 🟡 Tendenz
30 Stormarn-Süd CDU SPD B90/Grüne 🟡 Tendenz
31 Lübeck-Ost CDU SPD AfD 🔴 Auf Kippe
32 Lübeck-West SPD AfD B90/Grüne 🟠 Umkämpft
33 Lübeck-Süd B90/Grüne SPD CDU 🟡 Tendenz
34 Lauenburg-Nord CDU AfD B90/Grüne 🟡 Tendenz
35 Lauenburg-Süd CDU AfD SPD 🟡 Tendenz

Im Schnitt gewinnt die führende Partei ihren Wahlkreis in 81,6 Prozent der Durchläufe. Bildet die Simulation die Unsicherheit realistisch ab, wären heute rund 28 der 35 Wahlkreise richtig projiziert.


Methodik in Kürze

Daten: die amtlichen Ergebnisse der Landtagswahl 2022 in den 35 Wahlkreisen, fortgeschrieben mit dem poll.graphics-Wahltrend vom 1. Oktober 2026.

Nowcast: Für jeden Wahlkreis projizieren wir den Erststimmenanteil jeder Partei. Die Sitzverteilung ergibt sich aus dem landesweiten Zweitstimmenanteil und den gewonnenen Wahlkreisen.

Sitzverteilung: 69 Regelsitze, Fünf-Prozent-Hürde (nicht für den SSW), Überhangmandate werden ausgeglichen.

Monte-Carlo-Simulation: 10.000 Durchläufe mit zufälligen, größenabhängigen Schwankungen der Parteianteile auf Wahlkreisebene. Gezählt wird, wie oft jede Partei jeden Wahlkreis gewinnt.


Was diese Projektion nicht kann

Sehr wenige Umfragen. Der Wahltrend beruht in diesem Jahr auf zwei Umfragen, die neueste ist zweieinhalb Monate alt. Beide Institute lagen weit auseinander: die CDU bei 33 (infratest dimap) und 27 Prozent (INSA), die AfD bei 15 und 18 Prozent. Eine einzige neue Umfrage kann das Bild deutlich verändern.

Keine Kandidateneffekte. Bekanntheit, Amtsbonus und Rückzüge von Abgeordneten bildet das Modell nicht ab. In Schleswig-Holstein spielt das eine große Rolle, weil viele Wahlkreise ländlich sind und die Abgeordneten vor Ort bekannt.

Kein taktisches Wählen. Das Modell unterstellt, dass die Erststimme dem Landestrend folgt. In den Vierkämpfen von Kiel-Ost und Lübeck-West könnte schon eine kleine Verschiebung der Erststimmen zwischen SPD und Grünen den Ausgang ändern.

Umfragewerte sind Momentaufnahmen. Bis zur Wahl sind es gut sechs Monate. Die CDU hat seit Jahresbeginn neun Punkte verloren. Ob sich diese Entwicklung fortsetzt, kann die Projektion nicht sagen.

Keine Wahlkreisumfragen. Es handelt sich um eine Fortschreibung von Landestrends auf historische Wahlkreismuster, nicht um Erhebungen vor Ort.

Die vollständigen Wahlkreisdaten
Die Detailwerte aller 35 Wahlkreise, also die projizierten Erststimmenanteile je Partei und die Gewinnwahrscheinlichkeiten aus 10.000 Simulationsläufen, stehen Abonnentinnen und Abonnenten von „Schleswig-Holstein“ zur Verfügung. Dort sind sie bis zum Wahltag täglich aktualisiert abrufbar, Wahlkreis für Wahlkreis, samt Kandidierenden und Sitzverteilung.

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Ausblick

Mit jeder neuen Umfrage aktualisieren wir den Wahltrend und die Projektion für alle 35 Wahlkreise.

Die Parteien stellen gegenwärtig ihre Kandidierenden für die Landtagswahl auf. Wir ergänzen laufend die bekannten Direktkandidaturen in allen Wahlkreisen und die Landeslisten.

Am Wahlabend, dem 18. April 2027, verfolgt poll.graphics die Auszählung in allen Wahlkreisen.

Interaktive Karten für alle 35 Wahlkreise in Schleswig-Holstein
Nowcast, Simulation, Direktkandidierende und Sitzverteilung, täglich aktualisiert und für jeden Wahlkreis einzeln abrufbar:

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