Unser Faktencheck zur Landtagswahl in Baden-Württemberg: 54 von 70 Wahlkreisen korrekt projiziert

Am 8. März wurde in Baden-Württemberg gewählt — und jetzt liegt das Ergebnis vor. Zeit für den versprochenen Faktencheck: Wie gut war unsere Wahlkreis-Projektion? Wo hat sie funktioniert, wo nicht — und was lernen wir daraus?

Die kurze Antwort: In 54 von 70 Wahlkreisen (77%) hat das Modell die stärkste Partei bei der Erststimme korrekt projiziert. Die durchschnittliche Abweichung pro Partei und Wahlkreis lag bei 2,6 Prozentpunkten.

Das ist ein solides Ergebnis — aber unter den 94,5%, die wir bei der Europawahl 2024 auf Landkreisebene erreicht hatten. Der Hauptgrund lässt sich klar benennen: das neue Wahlrecht. Baden-Württemberg hatte zum ersten Mal Erst- und Zweitstimme. Unser Modell basiert auf Umfragen, die primär die Zweitstimme messen — doch die Erststimme hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Wichtig zur Einordnung: Ein Nowcast ist eine Projektion für den Zeitpunkt der Datenerhebung — in diesem Fall den 5. März — und keine Prognose für den Wahltag. Zwischen Datenstand und Wahl können sich die Stimmung und das Wahlverhalten noch verschieben. Umso aufschlussreicher ist der Abgleich mit den tatsächlichen Ergebnissen.


Das Ergebnis auf einen Blick

Kennzahl Nowcast (05.03.) Ergebnis Erststimme
Stärkste Partei korrekt 54 von 70 (77%)
Ø Abweichung pro Partei & WK 2,6 Prozentpunkte
CDU-Wahlkreise mit Führung 42 56
Grüne-Wahlkreise mit Führung 26 13
AfD-Wahlkreise mit Führung 2 1

Die zentrale Herausforderung: Erststimme ≠ Zweitstimme

Baden-Württemberg hat 2026 zum ersten Mal mit Erst- und Zweitstimme gewählt. Das macht die Projektion fundamental schwieriger — denn es gab keine historische Vergleichswahl, um den Erst-/Zweitstimmen-Split zu kalibrieren.

Unser Modell basiert auf Umfragen, die in erster Linie die Zweitstimme (Parteipräferenz) messen. Der poll.graphics Wahltrend als gewichteter Umfragedurchschnitt bildete die Grundlage — die Grünen erzielten bei der Zweitstimme landesweit 30,2%, unser Trend hatte ca. 26% ermittelt. Die CDU lag bei der Zweitstimme mit knapp 29,7% nahe an unserer Schätzung von 28%.

Eine Kernherausforderung lag im Sprung von der Zweit- zur Erststimme. Bei der Erststimme erzielten die Parteien deutlich andere Werte:

Partei Erststimme Zweitstimme Differenz
CDU 34,3% 29,7% +4,6 PP
Grüne 25,5% 30,2% -4,7 PP
SPD 8,4% 5,5% +2,9 PP
AfD 18,8% 18,8% 0,0 PP
FDP 4,8% 4,4% +0,4 PP
Linke 4,9% 4,4% +0,5 PP

Das Muster ist eindeutig: Die CDU holte bei der Erststimme rund 4,6 Prozentpunkte mehr als bei der Zweitstimme — ein massiver Kandidatenbonus durch bekannte Wahlkreiskandidaten. Bei den Grünen war es genau umgekehrt: Sie verloren von der Zweit- zur Erststimme rund 4,7 PP. Das Stimmensplitting — eine Stimme für die Partei, eine für die Person — war bei dieser ersten Wahl mit neuem Wahlrecht erheblich ausgeprägter als erwartet.

Da es für Baden-Württemberg keine historische Vergleichswahl mit Erst- und Zweitstimme gab, konnte dieser systematische Shift im Modell nicht ausreichend abgebildet werden. In anderen Bundesländern mit etabliertem Zweistimmenwahlrecht ist dieser Effekt bekannt und kalibrierbar — hier war es Neuland.


Wo das Modell richtig lag

In 54 von 70 Wahlkreisen hat der Nowcast die stärkste Partei korrekt projiziert. Die durchschnittliche Abweichung pro Partei und Wahlkreis lag bei 2,6 PP.

Besonders präzise war das Modell bei AfD (-0,1 PP Abweichung im Landesschnitt), SPD (+0,2 PP) und Linke (-0,8 PP). Hier traf das Modell die Erststimmen-Ergebnisse fast punktgenau — vermutlich weil diese Parteien weniger vom Stimmensplitting betroffen waren (die AfD hatte bei Erst- und Zweitstimme exakt den gleichen Anteil von 19%).

Die Präzisionsspanne auf Wahlkreisebene lag zwischen 1,2PP durchschnittliche Abweichung in Stuttgart III und 4,6PP in Sigmaringen.


Wo das Modell daneben lag

Die 16 falschen Projektionen zeigen ein klares Muster: 14 von 16 Fehlern waren Wahlkreise, in denen wir die Grünen vorn sahen, am Ende aber die CDU gewonnen hat. Dazu kam ein Wahlkreis, in dem wir die CDU vorn sahen und die Grünen gewannen (Stuttgart III), sowie Pforzheim, wo wir die AfD vorn sahen und die CDU gewann.

Der CDU-Kandidatenbonus bei der Erststimme war in ländlichen Wahlkreisen besonders ausgeprägt: In Sigmaringen lag das CDU-Erststimmenergebnis +12 PP über der Nowcast-Projektion, in Singen, Schwäbisch Hall, Schwäbisch Gmünd, Ravensburg und Freudenstadt bei jeweils +11 PP, und in Lahr bei +10 PP. In diesen Wahlkreisen zogen die CDU-Kandidaten systematisch Stimmen, die bei der Zweitstimme an andere Parteien gingen.

Prominente Kandidaten: Der Özdemir-Effekt

Das Stimmensplitting funktionierte in beide Richtungen. Der extremste Fall: Stuttgart II, wo Cem Özdemir als Grünen-Spitzenkandidat antrat und die Partei insgesamt in den Wahlkampf führte. Die Grünen holten dort 48% der Erststimmen — gegenüber 39% bei der Zweitstimme, ein Kandidatenbonus von 9 PP. Unser Nowcast hatte für Stuttgart II 34% projiziert, das tatsächliche Ergebnis lag 14 PP darüber. Die Abweichung in Stuttgart II war die größte im gesamten Land — und sie ist fast vollständig auf den Persönlichkeitseffekt eines bundesweit bekannten Spitzenpolitikers zurückzuführen, den ein landesweites Trendmodell naturgemäß nicht abbilden kann.

Ähnlich, wenn auch weniger extrem, profitierten Grüne-Kandidaten in anderen urbanen Hochburgen: Stuttgart I (+9 PP über Nowcast), Karlsruhe I und II (je +9 PP), Freiburg II (+6 PP) und Heidelberg (+5 PP).

Das Freitags-Update: eine Lektion

Ein ehrlicher Punkt: Unser ursprünglicher Nowcast vom 2. März hätte 62 von 70 Wahlkreisen (89%) korrekt projiziert — deutlich besser als die aktualisierte Version vom 5. März (54/70, 77%).

Am Donnerstag vor der Wahl erschienen neue Umfragen, die einen Grünen-Anstieg zeigten. Wir haben daraufhin den Nowcast aktualisiert — mit 9 Führungswechseln, alle zugunsten der Grünen. Diese 9 neuen Grünen-Wahlkreisen wurden aber am Ende alle 9 tatsächlich von der CDU gewonnen.

Dabei war der Grünen-Anstieg in den Umfragen nicht falsch — die Grünen haben bei der Zweitstimme tatsächlich noch besser abgeschnitten als von den älteren Umfragen erwartet. Aber die Erststimme folgte diesem Trend nicht mit. Das Modell hat den Zweitstimmen-Trend korrekt auf die Wahlkreise übertragen, aber die systematische Diskrepanz zur Erststimme nicht kompensieren können. Hier braucht es für vergleichbare Situationen mit neuen Wahlrechten bessere Schätzmethoden.


Abweichungen pro Partei

Partei Ø Abweichung (absolut) Ø Abweichung (Richtung) Bewertung
CDU 6,3 PP +6,2 PP Systematisch unterschätzt (Kandidatenbonus)
Grüne 3,4 PP -1,2 PP Leicht überschätzt, regional stark gespalten
Sonstige 3,8 PP -3,3 PP Deutlich überschätzt (keine Erststimmen-Kandidaten)
AfD 1,3 PP -0,1 PP Fast exakt
SPD 1,3 PP +0,2 PP Fast exakt
FDP 1,3 PP -1,1 PP Leicht überschätzt
Linke 0,8 PP -0,8 PP Fast exakt

Die drei größten Fehlerquellen bilden ein zusammenhängendes Bild: Die CDU wurde bei der Erststimme im Vergleich zur Zweitstimme deutlich unterschätzt (+6,2 PP), die Sonstigen überschätzt (-3,3 PP), die Grünen leicht überschätzt (-1,2 PP). In Summe verschoben sich rund 5 PP von der Zweitstimmen-Logik (auf der das Modell basiert) zur Erststimmen-Realität — zugunsten der CDU, zulasten der Grünen und Sonstigen.


Was wir daraus lernen

Eine konkrete Verbesserung für die nächste Projektion (Rheinland-Pfalz am 22. März):

Erst-/Zweitstimmen-Korrektur. Der mit Abstand größte Fehler war der Erst-/Zweitstimmen-Split. Für Rheinland-Pfalz, wo das Zweistimmenwahlrecht seit Langem etabliert ist, können wir aus historischen Wahlen besser kalibrieren, wie stark sich Erst- und Zweitstimme typischerweise unterscheiden — insbesondere der Amtsinhaberbonus bei der Erststimme.


Ausblick

Rheinland-Pfalz am 22. März: Die gleiche Analyse folgt in den nächsten Tagen für die 52 Wahlkreise in Rheinland-Pfalz — mit den Lehren aus Baden-Württemberg. Insbesondere der Erst-/Zweitstimmen-Split kann dort auf Basis früherer Wahlen kalibriert werden.

Die Ergebnisdaten für alle 70 Wahlkreise sowie die Projektionsdaten finden Sie auf poll.graphics/baden-wuerttemberg (Paywall). Nutzen Sie bis 10.03.2026 den Code BW2026 (-€3 auf Abonnements).

📩 Rheinland-Pfalz folgt
Die Wahlkreis-Projektion für die 52 Wahlkreise der Landtagswahl RP am 22. März erscheint in Kürze — mit den Lehren aus BW.

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